29 Mai 2018

Heilsame Stille

Geschrieben von Stephan Engelhardt, Veröffentlicht in Gedanken

Zen-Meditation

„Keiner klopft euch dafür auf die Schulter, dass ihr viele Tage schweigend gesessen habt“, so beendete der Zen-Meister das achttägige Zen-Sesshin (mehrtägige Mediation). Wenn ein außenstehender Betrachter ein Zen-Sesshin beobachtet sieht er u.a. folgendes. Menschen sitzen voneinander weggedreht reglos und schweigend im Kreis. Gelegentlich ertönt der Klang einer Klangschale und das Geräusch von Klanghölzern.

Sie stehen auf, verbeugen sich und gehen still und andächtig im Kreis, um sich danach wieder zu setzen und erneut regungslos zu sitzen. Gelegentlich wird etwas gemeinsam rezitiert um danach wieder zu schweigen. Nach einem Gong der Klangschale stehen alle auf, verbeugen sich, verlassen den Raum und treffen sich nach einer meist nur kurzen Unterbrechung wieder. Dass alles wiederholt sich 5-6-mal am Tag zen 02sodass ca. 7-8 Stunden so verbracht werden. Auch beim gemeinsamen Essen wird geschwiegen. Was geschieht hier seltsames?

Ein anderer Betrachter schaut in eine große Arena, die mit vielen tausenden Menschen gefüllt ist. In der Mitte der Arena ist eine Rasenfläche, auf der 24 Menschen mit einem Ball spielen und versuchen ihn in einen Rahmen, hinter dem ein Netz gespannt ist, zu bringen. Es sind nicht etwa Kinder die dort mit dem Ball spielen, sondern Erwachsene. Wenn der Ball in den Kasten fliegt, freuen sich tausende Menschen und springen in die Höhe und viele andere schauen betrübt. Was geschieht hier seltsames? Natürlich handelt es sich um Fußball. Jemand der so etwas zum ersten Mal sieht ist möglicherweise genauso verwundert, wie beim Betrachten einer Zen-Meditation.

Warum meditieren?

Es ist eine Möglichkeit unser innewohnendes Licht zum hellen Leuchten zu bringen und Liebe in die Welt zu geben. Es ist der Weg zum wahren Selbst.
„Die Praxis des Zazen (Sitzen in Meditationshaltung) ist nichts anderes als die Realisierung der Wahrheit dessen, der sich motiviert fühlt, sich in seine eigene Wirklichkeit hineinzubegeben“ sagt P. Johannes Kopp SAC (* 1927 - † 2016, Priesterweihe 1963, zählt zur ersten Generation christlicher Zen-Lehrer in Deutschland. Er ist Initiator des Programms „Leben aus der Mitte – Zen-Kontemplation“ des Bistums Essen, das seit 1973 besteht.).

Sieht man sein wahres Selbst, sieht man den uns innewohnenden höheren universellen Geist, dass Feuer der Liebe. Das mag abgehoben klingen, gerade in unserer Gesellschaft, die so sehr nach außen orientiert ist und nach fassbaren Gütern giert, die allesamt der Vergänglichkeit unterworfen sind und immer wieder ausgetauscht werden müssen, um die Gier zu befriedigen. Immer mehr Menschen spüren, dass die Stabilität, die Sicherheit und die Freude die im Außen gefunden wird nur scheinbar und von kurzer Dauer ist. Dies erzeugt eine tief in uns liegende Unzufriedenheit und Angst. Wahre andauernde Freude und Lebenskraft wird uns nicht von außen gegeben, sondern ist schon immer in uns. Es ist eine Quelle die nie versiegt an die wir uns erinnern dürfen. Der ernsthaft praktizierte Zen-Meditationsweg führt zu dieser sprudelnden Quelle, vielleicht nach vier Wochen, vielleicht nach vierzig Jahren. Auf dem Weg gibt es kein Ziel das zu erreichen wäre. Der Weg befindet sich immer am Beginn im Jetzt. Veränderung geschieht genau jetzt und niemals zu einer anderen Zeit. Es ist ein heilsamer Weg für unseren Geist und unseren Körper. Eine Vielzahl körperlicher Leiden ist psychosomatischer Natur. D.H. physische und seelische Einflüsse beeinflussen körperliche Vorgänge. Unser innerer Zustand beeinflusst auch unsere Umgebung und letztendlich alles auf der Erde. Wenn wir Ärger, Zorn oder Ängste in uns tragen, wird der Körper und die Umgebung das wiederspiegeln. Wir empfangen das was wir aussenden, wie innen so außen. 

Allein im 20igsten Jahrhundert haben Menschen über 100 Millionen ihrer Mitmenschen getötet und die ausgeübte physische und körperliche Gewalt kommt noch hinzu. Zudem zerstören wir mit unserem Verhalten die Erde. So etwas wäre nicht möglich, würden sich die Menschen in ihrem natürlichen Zustand voller innerer Lebensfreude befinden. Die Zen-Meditation ist ein Weg dieses dunkle und kranke Verhalten mit hellem Licht zu beleuchten, und uns und unseren Planeten zu heilen.

Ein Mensch der sich im Normalzustand der Freude befindet, handelt aus einer inneren liebevollen Fülle. Wenn es einem selbst gut geht, kann man in bester Weise hilfreich für andere handeln. Dazu muss man keine perfekte Gesundheit oder ein gut gefülltes Bankkonto haben. Wenn dir deine jetzige Situation, sei es dein körperlicher Zustand oder deine Lebenssituation nicht gefällt oder du sie sogar unerträglich findest, dann ändere sie, verlasse sie oder nehme sie liebevoll an. Wenn du nicht handelst, bleibt alles beim Alten und du und deine Umgebung leiden. Leiden entsteht durch das Anhaften an die Vergangenheit oder an das was jetzt nicht ist, jedoch sein soll. Weder die Vergangenheit noch die Zukunft sind jetzt da. Wir produzieren sie in unserem Verstand und leben dann mit unseren Verstandesgeschichten. Das stille und regungslose Sitzen (Zazen), ernsthaft und regelmäßig praktiziert, löst die jetzt nicht vorhandene Vergangenheit und Zukunft auf und führt zu innerer Klarheit und Freude. Das geschieht ohne das man sich von seinen täglichen Aktivitäten entfernt und die Lebensanforderungen werden einem zum Freund.

Was ist Zen?

Der Schüler fragte den Zen-Meister, was den Meister von ihm unterscheide. Der Meister entgegnete ihm: „Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich schlafe, dann schlafe ich. Der Schüler erwiderte: „Aber das mache ich doch auch.“ Der Zen-Meister antwortete: „Wenn Du gehst, denkst Du ans Essen und wenn Du isst, dann denkst Du ans Schlafen. Wenn Du schlafen sollst, denkst Du an alles Mögliche. Das unterscheidet uns.“

Zen ist die Sammlung des Geistes und die Versunkenheit, in der alle dualistischen Unterscheidungen wie Ich und Du, Subjekt und Objekt, wahr und falsch, aufgehoben sind. Der Weg des Zens ist eine mystische Erfahrung. Zen muss geübt werden, um es zu erfahren. Dazu braucht es den kontinuierlichen, ernsthaften und erwartungslosen Willen dazu. Das erwartungslose Sitzen in Meditationshaltung (Zazen) ist essentiell, dann wird man beschenkt.

Laut der Legende brachte der indische Mönch Bodhidharma (28. Patriarch des indischen Buddhismus und der erste Patriarch des chinesischen Chans) Zen nach China. Im Jahre 480 verließ er seine Heimat (südlich von Madras), fuhr mit dem Schiff nach China und wanderte über den Himalaja in die nördlichen Provincen. Er ließ er sich im Jahre 523 in der Provinz Henan nieder um später im dortigen Kloster Shaolin eine aus dem Buddhismus abgeleitete Philosophie der Selbstbetrachtung, das Chan (jap.: Zen), zu lehren. Da die Mönche körperlich schwach und kränklich waren und sie nicht über die nötige Ausdauer für seine Art der Meditation verfügten, lehrte er sie zusätzlich in Atemübungen und Kampfkünsten.

Es fand eine einzigartige Verschmelzung des indischen buddhistischen Geistes, der Philosophie und der Meditationspraxis mit der chinesischen Kultur und der daoistischen Lehre statt. Der Daoismus war mehr an der Natur, der Lebensbegeisterung, den Lebensenergien und der Bewegung interessiert, als das der Buddhismus in Indien war. In China war Zen eine Reformbewegung gegen einen in Dogmen und institutionellen Formen erstarten Buddhismus. Zen war eine Bewegung auf dem Lande und wurde außerhalb der Städte in den Bergen und in der Natur häufig von Laien praktiziert. Häufig wurden Analphabeten beider Geschlechter große Zen-Meister. Über die Jahrhunderte verbreitete sich Zen von China (Chan) in Vietnam (Thien), Korea (Son) und Japan (Zen). In Japan hat es in einzigartiger Weise die ästhetische Kultur geprägt. Es fand eine Reduktion auf das wesentliche von Formen, Farben und Klängen statt.
Heute wird in Japan immer weniger Zen praktiziert und im Westen erfährt es mehr und mehr Zuspruch. Die Psychologin und Zen-Meisterin Dr. Anna Gamma äußert sich wie folgt: „Zen muss in den Westen gehen um sich zu verjüngen, um dann wieder nach Japan zurückzukehren. Die starre hierarchische Zen-Tradition wird abgelöst. Lehrer und Schüler begegnen sich auf Augenhöhe.“
Der Buddhismus und Zen sind Lehren. Der Buddhismus bezieht sich auf die Lehren von Siddhartha Gautama (ca. 420 - 368 v. Chr.). Menschen aller Konfessionen üben Zen. Pater Hugo M. Enomiya-Lassalle (* 1898, † 1990) hat die einzigartigen Möglichkeiten des Zens erkannt und eine Brücke von Zen zum Christentum gebaut. Es ist schön zu sehen wie z.B. im Zendo (Mediationsraum) des Programms „Leben aus der Mitte – Zen-Kontemplation“ das Christuskreuz und die Buddha-Statue beieinander sind.

Die Zen-Meditation ist kein Konzept, das schematisch angewendet wird um ein bestimmtes Ergebnis zu erlangen. Es führt zum Loslassen von Konzepten und egozentrischen Zielen. Zen wird in seiner Tiefe erfahren, wenn wir mit allen Zellen die Verbundenheit mit Allem spüren. Es hat je nach Kultur und Ort an den es gelehrt und geübt wird unterschiedliche Ausprägungen erfahren. Der achtsame und wache Übende wird spüren, ob das Üben und das Übungsfeld heilsam sind. Es ist zu beachten das keine Abhängigkeit zum Lehrer, zum Zen-Meister, entsteht. Das gilt grundsätzlich für jede Lehrer-Schüler Beziehung.

„Wenn dein jetziges Weltbild, dein Universum völlig zusammengebrochen ist und du alles losgelassen hast, bist du von allen Lasten und Leiden die du in Leib und Seele mit dir herumgeschleppt hast plötzlich befreit. Diese Erfahrung führt in die vollkommende Freiheit.“, so die Worte des japanischen Zen-Meisters Kôun Yamada Roshi (* 1907, † 1989).
Dieses Geschenk erhalten wir nicht, weil wir es gerne haben möchten und deshalb Zen üben. Stilles Sitzen (Zazen), die Aufmerksamkeit zum Körper und zum Atem geben, die Gedanken wertfrei kommen und gehen lassen, dass macht uns empfänglich für die leisen Töne in uns und die Geschenke die zur rechten Zeit kommen. Zen muss in seiner Tiefe erlebt werden und kann mit Worten nicht beschrieben werden.

Wenn ich dein Interesse an der Zen-Meditation wecken konnte, empfehle ich dir an einem Zen-Einführungskurs teilzunehmen oder dich einer Zen-Meditationsgruppe anzuschließen. Dort erfährst du die Grundlagen um mit der Zen-Meditation zu beginnen. Du wirst die positive Wirkung für deinen Geist, deinen Körper und bei deinen alltäglichen Verrichtungen sehr bald erfahren.

Einführungskurse und Gruppen u.a.:
Benediktushof - www.benediktushof-holzkirchen.de
Leben aus der Mitte -  www.zen-kontemplation.de (Zen im christlichen Kontext)
Zen-Meditationsgruppe Bad Camberg (Infos Hier)

Stephan Engelhardt übt seit ca. 10 Jahren Meditation. Seit 2016 praktiziert er die Zen-Meditation, nimmt regelmäßig an Zen-Sesshins (mehrtägige Meditationen) teil und meditiert täglich.

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